Polyneuropathie ist eine Erkrankung des peripheren Nervensystems, bei der mehrere Nerven gleichzeitig geschädigt sind. Betroffene leiden oft unter Kribbeln, Taubheitsgefühlen, brennenden Schmerzen oder Muskelschwäche, meist beginnend in den Füßen und Beinen. Die Ursachen sind vielfältig: Diabetes, Alkoholmissbrauch, Vitaminmangel oder bestimmte Medikamente gehören zu den häufigsten Auslösern. Eine frühzeitige und gezielte Therapie kann das Fortschreiten der Erkrankung verlangsamen und die Lebensqualität deutlich verbessern.
Behandlung der Grunderkrankung
Der erste und wichtigste Schritt in der Therapie besteht darin, die Ursache der Polyneuropathie zu behandeln. Nur wenn die zugrundeliegende Erkrankung kontrolliert wird, lässt sich eine weitere Nervenschädigung verhindern. Bei diabetischer Polyneuropathie, der häufigsten Form, ist eine konsequente Blutzuckereinstellung entscheidend. Studien zeigen, dass gut eingestellte Blutzuckerwerte das Fortschreiten der Nervenschäden deutlich bremsen können.
Wenn Alkoholkonsum die Ursache ist, muss dieser vollständig gestoppt werden. Bei Vitaminmangel, insbesondere Vitamin B12-Mangel, hilft die Gabe entsprechender Präparate. Manchmal sind auch Medikamente der Auslöser – hier kann eine Umstellung unter ärztlicher Aufsicht Besserung bringen. In jedem Fall ist eine gründliche Diagnostik durch einen Neurologen wichtig, um die genaue Ursache zu ermitteln und gezielt behandeln zu können.
Medikamentöse Schmerztherapie
Viele Menschen mit Polyneuropathie leiden unter chronischen Schmerzen, die die Lebensqualität erheblich einschränken. Die Schmerzen haben oft einen brennenden oder stechenden Charakter und treten besonders nachts auf. Herkömmliche Schmerzmittel wie Paracetamol oder Ibuprofen wirken bei neuropathischen Schmerzen meist nicht ausreichend.
Spezielle Schmerzmedikamente
Für die Behandlung neuropathischer Schmerzen kommen deshalb andere Medikamente zum Einsatz. Dazu gehören bestimmte Antidepressiva und Antiepileptika, die ursprünglich für andere Erkrankungen entwickelt wurden, sich aber auch bei Nervenschmerzen bewährt haben. Diese Medikamente verändern die Schmerzverarbeitung im Nervensystem und können die Beschwerden deutlich lindern.
Die Einstellung auf das richtige Medikament erfordert Geduld. Oft muss die Dosis langsam gesteigert werden, und es kann mehrere Wochen dauern, bis die volle Wirkung eintritt. Manchmal müssen verschiedene Präparate ausprobiert werden, um das passende zu finden. Eine enge Zusammenarbeit mit dem behandelnden Arzt ist dabei wichtig, um Nebenwirkungen zu vermeiden und die optimale Therapie zu finden.
Lokale Behandlungsmöglichkeiten
Ergänzend können auch lokale Behandlungen helfen. Capsaicin-Pflaster oder -Salben, die aus Chili-Extrakt gewonnen werden, können bei umschriebenen Schmerzarealen Linderung bringen. Auch Lidocain-Pflaster werden manchmal eingesetzt. Diese Methoden wirken direkt an Ort und Stelle und belasten den Körper nicht mit systemischen Nebenwirkungen.
Physiotherapie und Bewegung
Neben der medikamentösen Behandlung spielt die Physiotherapie eine zentrale Rolle. Durch die Nervenschädigung kann es zu Muskelschwäche und Koordinationsstörungen kommen, die das Sturzrisiko erhöhen. Physiotherapie hilft, die Muskulatur zu kräftigen, die Balance zu verbessern und die Beweglichkeit zu erhalten.
Regelmäßiges Training ist besonders wichtig. Gezielte Übungen stärken die betroffenen Muskeln und fördern die Durchblutung der Nerven. Gleichgewichtsübungen reduzieren das Sturzrisiko, was gerade bei eingeschränktem Gefühl in den Füßen wichtig ist. Auch Dehnübungen gehören zum Programm, da verkürzte Muskeln und Sehnen bei Polyneuropathie häufig auftreten.
Wichtige Therapieziele in der Physiotherapie sind:
- Erhalt und Verbesserung der Muskelkraft
- Training von Gleichgewicht und Koordination
- Gangschulung für sicheres Gehen
- Vorbeugung von Fehlhaltungen und Kontrakturen
Viele Therapeuten empfehlen auch moderates Ausdauertraining wie Radfahren oder Schwimmen. Diese Aktivitäten fördern die Durchblutung und können sich positiv auf die Nervenfunktion auswirken. Wichtig ist, die Belastung langsam zu steigern und auf die Signale des Körpers zu achten.
Ergotherapie und Alltagshilfen
Bei ausgeprägter Polyneuropathie, die auch die Hände betrifft, kann Ergotherapie sinnvoll sein. Betroffene lernen hier, trotz eingeschränkter Sensibilität und Feinmotorik alltägliche Tätigkeiten zu bewältigen. Spezielle Hilfsmittel wie rutschfeste Unterlagen, Greifhilfen oder angepasstes Besteck erleichtern den Alltag erheblich.
Auch die Wohnraumanpassung spielt eine Rolle. Haltegriffe im Bad, gute Beleuchtung und das Entfernen von Stolperfallen können Stürze verhindern. Der Ergotherapeut berät individuell, welche Maßnahmen im konkreten Fall sinnvoll sind. Manchmal helfen schon kleine Veränderungen, um die Selbstständigkeit zu erhalten und Unfälle zu vermeiden.
Fußpflege und Prävention
Menschen mit Polyneuropathie müssen besonders auf ihre Füße achten. Durch das verminderte Schmerzempfinden werden Verletzungen, Druckstellen oder Blasen oft nicht bemerkt. Daraus können sich ernsthafte Wunden entwickeln, die schlecht heilen. Tägliche Fußkontrollen sind daher unverzichtbar. Bei Auffälligkeiten sollte sofort ein Arzt aufgesucht werden.
Gutes Schuhwerk mit ausreichend Platz und weichen Innensohlen schützt die Füße. Barfußlaufen sollte vermieden werden, um Verletzungen vorzubeugen. Regelmäßige professionelle Fußpflege durch einen spezialisierten Podologen ist empfehlenswert. Dieser erkennt Probleme frühzeitig und kann präventiv tätig werden.
Ganzheitlicher Behandlungsansatz
Die erfolgreiche Therapie der Polyneuropathie erfordert meist die Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen. Neurologen, Hausärzte, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und manchmal auch Schmerztherapeuten arbeiten Hand in Hand. Ergänzend können alternative Methoden wie Akupunktur oder TENS-Geräte zur Schmerzlinderung beitragen, auch wenn die wissenschaftliche Datenlage hier unterschiedlich ist.
Entscheidend ist, dass die Behandlung konsequent und langfristig durchgeführt wird. Polyneuropathie ist meist eine chronische Erkrankung, die kontinuierliche Betreuung erfordert. Mit der richtigen Therapie lässt sich das Fortschreiten jedoch oft verlangsamen und die Lebensqualität trotz der Erkrankung erhalten.