Kinder, die nicht stillsitzen können, ständig zappeln und sich kaum konzentrieren können – motorische Unruhe stellt Eltern, Erzieher und Lehrkräfte vor große Herausforderungen. Während Bewegungsdrang bei Kindern grundsätzlich normal und gesund ist, geht motorische Unruhe darüber hinaus. Sie beeinträchtigt den Alltag, erschwert das Lernen und kann zu sozialen Schwierigkeiten führen. Die Ergotherapie bietet wirksame Ansätze, um betroffenen Kindern zu helfen, ihre Impulse besser zu steuern und zur Ruhe zu kommen.
Was ist motorische Unruhe?
Motorische Unruhe bezeichnet einen übermäßigen Bewegungsdrang, der über das normale kindliche Aktivitätslevel hinausgeht. Betroffene Kinder können kaum stillhalten, auch wenn die Situation es erfordert. Sie wippen mit den Beinen, trommeln mit den Fingern oder stehen ständig auf. Diese Unruhe ist nicht willentlich steuerbar – das Kind kann nicht einfach „sich zusammenreißen“, auch wenn es das möchte.
Die Ursachen sind vielfältig und oft liegt ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren vor. Bei vielen Kindern mit ADHS ist motorische Unruhe ein Kernsymptom. Doch auch Wahrnehmungsstörungen, Ängste oder Überforderung können zu vermehrter Unruhe führen. Manche Kinder haben Schwierigkeiten, Sinnesreize angemessen zu verarbeiten, und reagieren darauf mit unkontrollierter Bewegung.
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen normalem Bewegungsdrang und problematischer Unruhe. Kinder brauchen Bewegung und sollten nicht den ganzen Tag stillsitzen müssen. Problematisch wird es, wenn die Unruhe so stark ausgeprägt ist, dass das Kind im Kindergarten oder in der Schule nicht mehr mitkommt, wenn Freundschaften leiden oder die Familie stark belastet ist.
Anzeichen und Auswirkungen
Motorische Unruhe zeigt sich durch verschiedene Verhaltensweisen:
- Ständiges Zappeln, Wippen oder Nesteln an Gegenständen
- Unfähigkeit, während ruhiger Aktivitäten sitzen zu bleiben
- Häufiges Herumlaufen in unpassenden Situationen
- Probleme beim Einhalten von Regeln in strukturierten Situationen
- Schwierigkeiten bei Aufgaben, die Konzentration erfordern
Diese Verhaltensweisen führen oft zu Konflikten. Im Kindergarten stören unruhige Kinder beim Vorlesen. In der Schule verpassen sie wichtige Inhalte, weil sie abgelenkt sind. Häufige Ermahnungen belasten das Selbstwertgefühl.
Ergotherapeutische Behandlungsansätze
Die Ergotherapie setzt bei motorischer Unruhe an mehreren Punkten an. Zunächst wird genau untersucht, welche Faktoren zur Unruhe beitragen. Liegt eine Wahrnehmungsstörung vor? Kann das Kind Reize schlecht filtern? Diese Analyse bildet die Grundlage für den individuellen Behandlungsplan.
Ein wichtiger Aspekt ist die sensorische Integration. Viele unruhige Kinder haben Schwierigkeiten, Sinnesreize angemessen zu verarbeiten. Manche benötigen besonders intensive Reize und suchen ständig nach Bewegung. Andere sind überempfindlich und werden durch normale Alltagsreize bereits überfordert, was sich in Unruhe äußert.
In der Therapie werden gezielte sensorische Erfahrungen angeboten. Kinder schaukeln, balancieren, klettern oder arbeiten mit verschiedenen Materialien. Diese Aktivitäten helfen dem Nervensystem, Reize besser zu organisieren. Mit der Zeit lernt das Gehirn, Sinnesinformationen angemessener zu verarbeiten, was oft zu verminderter Unruhe führt.
Strategien zur Selbstregulation
Ein zentrales Therapieziel ist die Entwicklung von Selbstregulationsstrategien. Kinder lernen, ihre Unruhe wahrzunehmen und gegenzusteuern. Das beginnt mit der Wahrnehmungsschulung – viele unruhige Kinder bemerken gar nicht, dass sie zappeln. Erst wenn sie diese Körpersignale bewusst wahrnehmen, können sie darauf reagieren.
Der Therapeut vermittelt konkrete Techniken, die im Alltag anwendbar sind. Tiefes Atmen hilft vielen Kindern, zur Ruhe zu kommen. Auch bestimmte Bewegungsübungen wie festes Händedrücken oder Muskeln anspannen und entspannen können beruhigend wirken. Diese Übungen sind unauffällig und lassen sich auch im Klassenzimmer durchführen.
Wichtig ist, dass diese Strategien spielerisch vermittelt werden. Kinder müssen verstehen, warum bestimmte Techniken helfen, und sollten selbst auswählen können, was für sie funktioniert.
Anpassung der Umgebung
Neben der direkten Arbeit mit dem Kind berät die Ergotherapie auch zu Umgebungsanpassungen. Oft lässt sich die Unruhe durch kleine Veränderungen deutlich reduzieren. Im Kindergarten oder in der Schule können bewegte Sitzgelegenheiten wie Therapiekreisel helfen. Sie erlauben Bewegung, ohne dass das Kind aufstehen muss.
Auch Strukturierung spielt eine wichtige Rolle. Klare Tagesabläufe, Visualisierung von Regeln und regelmäßige Bewegungspausen geben Halt. Manche Kinder profitieren von einem Rückzugsort, an den sie sich bei Überreizung zurückziehen können.
Einbindung von Familie und Pädagogen
Erfolgreiche Behandlung erfordert die Zusammenarbeit aller Beteiligten. Eltern lernen in der Ergotherapie, die Unruhe ihres Kindes besser zu verstehen. Sie erhalten konkrete Tipps, wie sie zu Hause unterstützen können, ohne zu viel Druck aufzubauen.
Auch Kindergarten und Schule werden einbezogen. Erzieher und Lehrkräfte bekommen Informationen über die Hintergründe der Unruhe und erfahren, welche Strategien das Kind gerade lernt. Gemeinsame Absprachen sorgen dafür, dass das Kind überall ähnliche Unterstützung erhält.
Eltern sollten realistische Erwartungen haben. Motorische Unruhe verschwindet nicht von heute auf morgen. Die Behandlung ist ein Prozess, der Monate dauern kann. Doch die meisten Kinder lernen mit der Zeit, ihre Unruhe besser zu kontrollieren. Sie entwickeln Strategien, die ihnen im Alltag helfen, und können sich zunehmend besser konzentrieren.
Wichtig ist die Wertschätzung der kindlichen Besonderheiten. Viele unruhige Kinder sind kreativ, begeisterungsfähig und haben viel Energie. Mit der richtigen Unterstützung können sie lernen, ihre Energie zu kanalisieren und ihre Potenziale zu entfalten. Die Ergotherapie hilft dabei, den Weg zwischen notwendiger Anpassung und Bewahrung der Persönlichkeit zu finden.