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Selbsthilfetraining in der Ergotherapie

Sich selbst anziehen, die Zähne putzen oder eine Mahlzeit zubereiten – was für viele Menschen selbstverständlich ist, kann nach einer Krankheit oder Verletzung zur großen Herausforderung werden. Das Selbsthilfetraining in der Ergotherapie hilft Menschen dabei, diese alltäglichen Fähigkeiten zurückzugewinnen oder neu zu erlernen. Im Mittelpunkt steht das Ziel, möglichst selbstständig leben zu können. Ergotherapeuten entwickeln gemeinsam mit ihren Patienten individuelle Strategien und üben praktische Handgriffe, die im Alltag wirklich gebraucht werden. Mit Geduld, den richtigen Techniken und manchmal kleinen Hilfsmitteln lässt sich die Eigenständigkeit oft deutlich verbessern.

Was bedeutet Selbsthilfetraining?

Selbsthilfetraining ist ein zentraler Bestandteil der Ergotherapie und konzentriert sich auf die sogenannten Aktivitäten des täglichen Lebens. Im Fachjargon spricht man von ADL, was für „Activities of Daily Living“ steht. Dazu gehören alle grundlegenden Tätigkeiten, die Menschen für ihre Selbstversorgung benötigen. Das reicht vom Waschen und Anziehen über Essen und Trinken bis hin zum Toilettengang.

Das Training ist immer praktisch ausgerichtet. Anders als bei anderen Therapieformen, die zunächst einzelne Funktionen trainieren, werden hier konkrete Alltagssituationen geübt. Der Patient lernt nicht abstrakte Bewegungsabläufe, sondern genau die Handlungen, die er zu Hause braucht. Diese direkte Übertragbarkeit auf den Alltag macht das Selbsthilfetraining so wirkungsvoll. Die Übungen finden oft in speziell eingerichteten Therapieräumen statt, die Küchen, Bäder oder Wohnbereiche nachbilden.

Für wen ist das Training gedacht?

Selbsthilfetraining kommt bei verschiedenen Patientengruppen zum Einsatz. Menschen nach einem Schlaganfall gehören zu den häufigsten Teilnehmern. Durch Lähmungen oder Koordinationsstörungen fällt ihnen vieles schwer, was vorher automatisch funktionierte. Auch Patienten mit neurologischen Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder Parkinson profitieren vom Training, ebenso wie Menschen mit rheumatischen Erkrankungen, die durch Gelenkschmerzen und Bewegungseinschränkungen im Alltag beeinträchtigt sind.

Nach Unfällen mit Verletzungen an Armen oder Händen ist Selbsthilfetraining ebenfalls wichtig. Auch ältere Menschen, die durch Gebrechlichkeit unsicherer werden, oder Patienten nach längerer Bettlägerigkeit brauchen oft Unterstützung beim Wiedererlangen ihrer Selbstständigkeit. Für Menschen mit geistigen Beeinträchtigungen kann das Training helfen, alltägliche Abläufe zu strukturieren und einzuüben.

Inhalte und Übungsbereiche

Das Selbsthilfetraining umfasst verschiedene Lebensbereiche, die je nach individuellem Bedarf trainiert werden. Die Schwerpunkte richten sich nach den Einschränkungen und Zielen des einzelnen Patienten.

Körperpflege und Ankleiden

Ein wichtiger Trainingsbereich ist die persönliche Hygiene. Patienten üben, sich zu waschen, die Haare zu kämmen, Zähne zu putzen oder sich zu rasieren. Besonders das Anziehen stellt viele vor Herausforderungen. Ergotherapeuten zeigen Techniken, wie man Kleidungsstücke trotz eingeschränkter Beweglichkeit oder mit nur einer Hand an- und ausziehen kann. Manchmal helfen kleine Tricks, etwa Kleidung in einer bestimmten Reihenfolge anzulegen oder Hilfsmittel wie Anziehhilfen für Strümpfe zu nutzen.

Essen und Trinken

Die selbstständige Nahrungsaufnahme ist ein Grundbedürfnis und wichtig für die Würde jedes Menschen. Im Training wird der Umgang mit Besteck geübt, das Trinken aus einem Glas oder das Schmieren eines Brotes. Bei feinmotorischen Einschränkungen können spezielles Besteck mit verdickten Griffen oder rutschfeste Unterlagen hilfreich sein. Auch das Kochen einfacher Mahlzeiten wird trainiert, soweit die Fähigkeiten des Patienten das erlauben.

Haushalt und Mobilität

Über die grundlegende Selbstversorgung hinaus umfasst das Training auch erweiterte Alltagsaktivitäten. Dazu gehören leichte Hausarbeiten wie Staubwischen, Geschirr spülen oder Wäsche sortieren. Auch die sichere Fortbewegung in der Wohnung wird geübt, etwa das Aufstehen aus dem Bett oder vom Stuhl. Manche Patienten lernen den Umgang mit Gehhilfen oder Rollstühlen in engen Räumen.

Methoden und Hilfsmittel

Ergotherapeuten setzen verschiedene Methoden ein, um die Selbstständigkeit ihrer Patienten zu fördern. Das schrittweise Üben steht dabei im Vordergrund. Komplexe Handlungen werden in kleine Teilschritte zerlegt, die einzeln trainiert und später zusammengesetzt werden. Diese Methode nennt sich „Chaining“ und ist besonders bei kognitiven Einschränkungen hilfreich.

Auch die Anpassung der Umgebung spielt eine wichtige Rolle. Ergotherapeuten beraten, wie die Wohnung sicherer und praktischer gestaltet werden kann. Dazu gehören:

  • Haltegriffe im Bad und Duschhocker für mehr Sicherheit
  • Erhöhte Toilettensitze und Badewannenbretter
  • Greifhilfen für schwer erreichbare Gegenstände
  • Rutschfeste Unterlagen und Einhandbrettchen in der Küche
  • Anpassungen an Kleidung wie Klettverschlüsse statt Knöpfe

Diese Hilfsmittel ersetzen nicht das Training, sondern ergänzen es sinnvoll. Das Ziel ist immer, so viel Selbstständigkeit wie möglich zu erreichen, gleichzeitig aber auch anzuerkennen, wo Unterstützung nötig bleibt.

Erfolge und Perspektiven

Die Fortschritte im Selbsthilfetraining sind sehr individuell. Manche Patienten erreichen schnell wieder ihre frühere Selbstständigkeit, andere machen kleinere Schritte. Wichtig ist die realistische Zielsetzung gemeinsam mit dem Therapeuten. Jeder Fortschritt, auch wenn er noch so klein erscheint, ist wertvoll. Wer wieder selbst eine Tasse halten oder sich die Schuhe binden kann, gewinnt ein Stück Lebensqualität zurück.

Das Training erfordert Ausdauer und Motivation. Ergotherapeuten achten darauf, erreichbare Zwischenziele zu setzen, damit Patienten ihre Erfolge erleben können. Die Einbeziehung von Angehörigen ist ebenfalls wichtig, damit das Gelernte zu Hause umgesetzt und weiter geübt wird. Mit der richtigen Unterstützung können viele Menschen ihre Eigenständigkeit bewahren oder zurückgewinnen – ein Gewinn an Lebensqualität, der sich kaum in Worte fassen lässt.