Manche Kinder entwickeln sich langsamer als Gleichaltrige, besonders im Bereich der motorischen Fähigkeiten. Sie wirken ungeschickt, haben Schwierigkeiten beim Fangen von Bällen, beim Fahrradfahren oder beim Malen. Oft liegt eine Koordinationsstörung zugrunde, die als Entwicklungsverzögerung bezeichnet wird. Diese Kinder sind nicht faul oder unbegabt – ihr Gehirn braucht einfach mehr Unterstützung, um Bewegungen zu planen und durchzuführen. Mit gezielter Förderung können sie jedoch große Fortschritte machen und ihre motorischen Fähigkeiten deutlich verbessern.
Was bedeutet Koordinationsstörung?
Koordination ist die Fähigkeit, verschiedene Bewegungen sinnvoll zusammenzuführen. Sie ermöglicht es, mehrere Körperteile gleichzeitig oder nacheinander gezielt zu bewegen. Beim Treppensteigen müssen die Beine abwechselnd koordiniert werden, beim Ballspielen braucht es eine gute Auge-Hand-Koordination. Auch alltägliche Tätigkeiten wie Anziehen, Essen mit Besteck oder Zähneputzen erfordern koordinierte Bewegungen.
Bei Kindern mit Entwicklungsverzögerung funktioniert diese Abstimmung nicht reibungslos. Das Gehirn hat Schwierigkeiten, Bewegungen zu planen, zu steuern und anzupassen. Medizinisch spricht man oft von einer Entwicklungsbedingten Koordinationsstörung. Die Ursachen sind vielfältig und oft nicht genau zu bestimmen. Manchmal spielen genetische Faktoren eine Rolle, manchmal Frühgeburtlichkeit oder leichte Hirnschädigungen.
Wichtig zu wissen ist, dass diese Kinder meist normal intelligent sind. Die Schwierigkeiten betreffen ausschließlich oder hauptsächlich die Motorik. Die motorischen Probleme können jedoch das Selbstbewusstsein beeinträchtigen, besonders wenn das Kind im Sport nicht mithalten kann oder von anderen gehänselt wird.
Wie zeigt sich die Koordinationsstörung?
Die Anzeichen sind vielfältig und hängen vom Alter des Kindes ab. Kleinkinder mit Koordinationsproblemen fangen später an zu laufen oder bewegen sich unsicher. Sie stolpern häufig, haben Schwierigkeiten beim Treppensteigen oder beim Klettern. Im Kindergartenalter fallen Probleme beim Malen, Schneiden mit der Schere oder beim Bauen mit Bauklötzen auf. Das Kind hat vielleicht Mühe, Knöpfe zu schließen oder Schuhe zu binden.
Schulkinder mit Koordinationsstörungen haben oft eine unleserliche Handschrift, obwohl sie sich sehr bemühen. Sport fällt ihnen schwer – sie können nicht gut werfen oder fangen, haben Probleme beim Balancieren oder beim rhythmischen Bewegen zu Musik. Auch die Kraftdosierung bereitet Schwierigkeiten: Sie drücken zu fest oder zu zaghaft. Manche Kinder vermeiden körperliche Aktivitäten, weil sie ihre Schwierigkeiten spüren und Misserfolge fürchten.
Nicht jedes ungeschickte Kind hat gleich eine behandlungsbedürftige Störung. Wenn die Schwierigkeiten jedoch den Alltag deutlich beeinträchtigen oder das Kind leidet, sollte eine fachliche Abklärung erfolgen.
Diagnostik und Therapiebeginn
Die Diagnostik erfolgt meist durch Kinderärzte, Ergotherapeuten oder spezialisierte Zentren. Verschiedene Tests prüfen die grob- und feinmotorischen Fähigkeiten, die Koordination und das Gleichgewicht. Auch die Kraftentwicklung und die Bewegungsplanung werden untersucht. Wichtig ist, andere Ursachen wie neurologische Erkrankungen oder Muskelschwäche auszuschließen.
Nach der Diagnose beginnt die Therapie, meist in Form von Ergotherapie oder Physiotherapie. Je früher die Förderung einsetzt, desto besser sind die Erfolgsaussichten. Das kindliche Gehirn ist sehr anpassungsfähig und kann durch wiederholtes Üben neue Bewegungsmuster erlernen.
Therapeutische Ansätze
Die Förderung der Koordination erfolgt spielerisch und orientiert sich an den Bedürfnissen des Kindes. Therapeuten nutzen verschiedene Methoden, um die motorischen Fähigkeiten zu verbessern.
Grobmotorisches Training
Übungen für die Grobmotorik verbessern die Koordination großer Bewegungen. Balancieren auf unterschiedlichen Untergründen, Werfen und Fangen von Bällen oder Hüpfspiele trainieren die Bewegungsplanung und das Gleichgewicht. Auch Klettern, Schaukeln oder Hindernisparcours sind beliebte therapeutische Aktivitäten. Diese Übungen machen Spaß und fördern gleichzeitig die Körperwahrnehmung und das Selbstvertrauen.
Wichtig ist, dass die Anforderungen dem Leistungsniveau des Kindes entsprechen. Zu schwierige Aufgaben frustrieren, zu einfache langweilen. Der Therapeut passt die Übungen so an, dass sie herausfordernd, aber bewältigbar sind.
Feinmotorisches Training
Die Feinmotorik umfasst präzise Bewegungen der Hände und Finger. Übungen mit Perlen, Knete, Steckspiele oder Puzzle fördern die Fingerfertigkeit. Auch das Üben von Alltagstätigkeiten wie Knöpfe schließen, Reißverschlüsse bedienen oder mit Besteck essen gehört zur Therapie. Malen, Schneiden und erste Schreibübungen werden altersgerecht trainiert.
Die Auge-Hand-Koordination wird durch Aktivitäten wie Fädeln, Bauen oder Ballspiele verbessert. Auch handwerkliche Tätigkeiten wie Hämmern oder Werkeln mit Werkzeug sprechen mehrere Bereiche gleichzeitig an und sind oft besonders motivierend.
Förderung zu Hause und im Alltag
Therapie allein reicht nicht aus – die Förderung muss im Alltag fortgesetzt werden. Eltern erhalten konkrete Anregungen, wie sie ihr Kind unterstützen können. Wichtig ist, Geduld zu haben und das Kind nicht zu überfordern. Jeder kleine Fortschritt sollte gelobt werden.
Praktische Fördermöglichkeiten im Alltag umfassen:
- Bewegungsspiele wie Verstecken, Fangen oder Hüpfen
- Gemeinsames Kochen und Backen für die Feinmotorik
- Regelmäßige Bewegung an der frischen Luft
- Basteln, Malen und handwerkliche Tätigkeiten
Auch Sport kann sinnvoll sein, sollte aber dem Kind Freude machen. Sportarten wie Schwimmen, Reiten oder Kampfsport haben sich bei Koordinationsproblemen bewährt. Wichtig ist ein verständnisvoller Trainer, der das Kind nicht unter Druck setzt.
Langfristige Perspektiven
Mit konsequenter Förderung machen die meisten Kinder gute Fortschritte. Die Koordination verbessert sich, das Kind wird geschickter und selbstbewusster. Manche Schwierigkeiten bleiben vielleicht bestehen – das bedeutet aber nicht, dass das Kind versagt hat. Wichtig ist, dass das Kind lernt, mit seinen Besonderheiten umzugehen und seine Stärken zu nutzen.
Die emotionale Unterstützung durch Eltern und Umfeld ist dabei entscheidend. Kinder brauchen das Gefühl, trotz ihrer Schwierigkeiten wertvoll und geliebt zu sein. Mit Geduld, gezielter Förderung und viel Ermutigung können Kinder mit Koordinationsstörungen ihre Fähigkeiten deutlich verbessern und ein erfülltes Leben führen.