Ein schwerer COVID-19-Verlauf mit Behandlung auf der Intensivstation hinterlässt oft tiefe Spuren. Nach wochenlanger Beatmung, langer Liegezeit und dem Kampf gegen die Infektion sind viele Patienten körperlich und seelisch stark geschwächt. Muskeln haben sich abgebaut, die Lunge ist beeinträchtigt, und die Kraft fehlt selbst für einfachste Tätigkeiten. Der Weg zurück in den Alltag ist lang und erfordert intensive therapeutische Begleitung. Mit der richtigen Unterstützung durch Physiotherapie, Ergotherapie und weitere Maßnahmen können Betroffene jedoch Schritt für Schritt ihre Selbstständigkeit zurückgewinnen.
Folgen der Intensivbehandlung
Die lange Beatmung und Immobilität auf der Intensivstation führen zu massiven körperlichen Einschränkungen. Innerhalb weniger Wochen baut die Muskulatur erheblich ab – ein Phänomen, das als Intensivstation-erworbene Schwäche bekannt ist. Betroffen sind vor allem die Atem-, Bein- und Rumpfmuskeln. Viele Patienten können nach der Intensivbehandlung zunächst nicht selbstständig sitzen, stehen oder gehen.
Auch die Lungenfunktion ist oft stark beeinträchtigt. Die Beatmung und die durch COVID-19 verursachten Lungenschäden führen zu verminderter Belastbarkeit und Atemnot schon bei geringen Anstrengungen. Hinzu kommen häufig Schluckstörungen, die während der Beatmung entstanden sind. Diese machen das Essen und Trinken schwierig und gefährlich, da Nahrung in die Luftröhre gelangen kann.
Neben den körperlichen Folgen leiden viele Betroffene unter psychischen Belastungen. Verwirrtheitszustände während der Intensivbehandlung, Erinnerungslücken oder belastende Erinnerungen können zu Angststörungen oder Depressionen führen. Diese psychischen Aspekte müssen in der Rehabilitation ebenso berücksichtigt werden wie die körperlichen Einschränkungen.
Physiotherapie als Grundpfeiler
Die Physiotherapie beginnt idealerweise bereits auf der Intensivstation und wird nach der Verlegung intensiviert. Sie zielt darauf ab, die Mobilität wiederherzustellen, die Muskulatur aufzubauen und die Lungenfunktion zu verbessern. Der Therapieplan wird individuell an den aktuellen Zustand angepasst und schrittweise gesteigert.
Mobilisation und Muskelaufbau
Zunächst geht es darum, überhaupt wieder beweglich zu werden. Die Therapie beginnt oft im Liegen mit passiven Bewegungen und einfachen Übungen. Sobald möglich, wird das Sitzen am Bettrand trainiert, dann das Stehen mit Unterstützung. Jeder kleine Schritt ist ein Erfolg und wird vorsichtig aufgebaut. Die Muskeln müssen langsam an die Belastung gewöhnt werden, denn Überanstrengung kann zu Rückschlägen führen.
Kraftübungen für die Beine sind besonders wichtig, da diese für das Gehen und Stehen benötigt werden. Auch die Rumpfmuskulatur muss gestärkt werden, um eine stabile Körperhaltung zu ermöglichen. Die Übungen werden täglich durchgeführt und allmählich intensiviert. Hilfsmittel wie Rollatoren oder Gehstützen unterstützen die ersten Gehversuche.
Atemtherapie
Die Atemtherapie ist nach COVID-Intensivaufenthalten unverzichtbar. Spezielle Atemübungen helfen, die Lungenfunktion zu verbessern und festsitzendes Sekret zu lösen. Patienten lernen Techniken wie die Lippenbremse, bei der gegen einen leichten Widerstand ausgeatmet wird, oder die Bauchatmung für eine tiefere Atmung.
Auch die Ausdauer wird vorsichtig trainiert. Kurze Gehstrecken oder leichtes Ergometertraining steigern die Belastbarkeit. Wichtig ist, die Sauerstoffsättigung und den Puls zu überwachen, um Überlastung zu vermeiden. Viele Patienten benötigen anfangs noch Sauerstoffunterstützung, die schrittweise reduziert wird.
Ergotherapie für den Alltag
Während die Physiotherapie sich auf Bewegung und Kraft konzentriert, hilft die Ergotherapie dabei, alltägliche Tätigkeiten wieder zu erlernen. Nach langer Intensivbehandlung können selbst einfachste Handgriffe zur Herausforderung werden. Das Ziel ist, die Selbstständigkeit im Alltag zurückzugewinnen.
Ergotherapeuten trainieren mit den Patienten Alltagsaktivitäten wie Waschen, Anziehen, Essen oder Toilettengänge. Diese Tätigkeiten erfordern Kraft, Koordination und Ausdauer – alles Bereiche, die nach der Intensivbehandlung stark eingeschränkt sind. Durch wiederholtes Üben in einem geschützten Rahmen gewinnen Betroffene Schritt für Schritt ihre Fähigkeiten zurück.
Auch die Feinmotorik der Hände wird trainiert. Viele Patienten haben Schwierigkeiten, Knöpfe zu schließen, zu schreiben oder Gegenstände zu greifen. Gezielte Übungen verbessern die Fingerfertigkeit und die Hand-Auge-Koordination. Bei Bedarf werden Hilfsmittel wie Greifhilfen oder angepasstes Besteck eingesetzt.
Weitere therapeutische Maßnahmen
Neben Physio- und Ergotherapie sind oft weitere Therapieformen notwendig. Bei Schluckstörungen kommt Logopädie zum Einsatz. Therapeuten trainieren das sichere Schlucken und helfen, die normale Nahrungsaufnahme wiederherzustellen. Das ist wichtig, damit Patienten wieder ausreichend essen und trinken können.
Wichtige Therapiebausteine umfassen:
- Ernährungstherapie zum Ausgleich von Mangelernährung und Gewichtsverlust
- Psychologische Unterstützung zur Verarbeitung der Intensiverfahrung
- Sozialberatung für die Organisation der häuslichen Versorgung
- Angehörigenberatung zur Vorbereitung auf die Entlassung
Die psychologische Betreuung sollte nicht unterschätzt werden. Viele Patienten kämpfen mit Ängsten, Albträumen oder depressiven Verstimmungen. Gespräche mit Psychologen oder Psychotherapeuten helfen, das Erlebte zu verarbeiten und neue Perspektiven zu entwickeln.
Rehabilitation und Nachsorge
Nach der Akutbehandlung im Krankenhaus folgt meist eine Rehabilitation, entweder stationär oder ambulant. Dort wird die Therapie intensiv fortgesetzt, oft mit mehreren Therapieeinheiten täglich. Die Rehabilitation dauert in der Regel mehrere Wochen und ist auf die speziellen Bedürfnisse von COVID-Patienten ausgerichtet.
Nach der Reha ist die Behandlung jedoch nicht abgeschlossen. Viele Betroffene benötigen noch Monate ambulante Therapie, um ihre volle Leistungsfähigkeit zurückzugewinnen. Manche erreichen nicht mehr ihr früheres Niveau, können aber mit Unterstützung ein gutes Leben führen. Geduld ist dabei der wichtigste Faktor – der Körper braucht Zeit, um sich von solch schweren Belastungen zu erholen.
Die Erfahrung zeigt, dass konsequente Therapie und Eigeninitiative entscheidend für den Erfolg sind. Auch zu Hause sollten die erlernten Übungen regelmäßig durchgeführt werden. Mit professioneller Begleitung und dem Willen zur Genesung schaffen es viele Patienten, nach einem COVID-Intensivaufenthalt wieder in ein selbstbestimmtes Leben zurückzufinden.