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Stimmtherapie nach Schilddrüsenoperation

Eine Schilddrüsenoperation ist ein häufiger chirurgischer Eingriff in Deutschland, der bei gutartigen Vergrößerungen, Knoten, Entzündungen oder bösartigen Veränderungen der Schilddrüse notwendig werden kann. Was viele Patientinnen und Patienten im Vorfeld nicht wissen: In der Nähe der Schilddrüse verläuft der sogenannte Nervus recurrens, ein Kehlkopfnerv, der die Stimmbänder steuert. Wird dieser Nerv während des Eingriffs berührt, gedehnt oder in seltenen Fällen verletzt, kann das die Stimme erheblich verändern. Eine heisere, behauchte oder leise Stimme, die sich nach der Operation nicht spontan erholt, ist ein Zeichen dafür, dass logopädische Stimmtherapie dringend gebraucht wird. Die gute Nachricht: Mit gezielter Behandlung lassen sich in vielen Fällen sehr gute Ergebnisse erzielen.

Was nach einer Schilddrüsenoperation mit der Stimme passiert

Der Nervus recurrens, auch Nervus laryngeus inferior genannt, verläuft unmittelbar hinter der Schilddrüse entlang auf seinem Weg zum Kehlkopf. Er steuert die Muskeln, die für das Öffnen und Schließen der Stimmlippen verantwortlich sind. Wird er während einer Schilddrüsenoperation auch nur leicht gedehnt oder gequetscht, ohne dass er durchtrennt wird, kann seine Funktion vorübergehend ausfallen. Das Ergebnis ist eine Stimmlippenlähmung, medizinisch als Rekurrensparese bezeichnet.

Bei einer einseitigen Rekurrensparese ist eine Stimmlippe in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt oder vollständig gelähmt. Sie kann sich beim Sprechen nicht mehr vollständig zur Mitte bewegen, sodass die gesunde Stimmlippe die betroffene nicht mehr zuverlässig berühren kann. Dadurch entweicht beim Sprechen Luft unkontrolliert, was zu einem charakteristischen Beschwerdebild führt.

Typische Symptome einer Rekurrensparese nach Schilddrüsenoperation sind:

  • Heisere, behauchte oder raue Stimmqualität, weil die Stimmlippen nicht mehr vollständig schließen
  • Leise, kraftlose Stimme, die auch bei Anstrengung nicht lauter werden kann
  • Kurzatmigkeit beim Sprechen, weil durch die offene Stimmritze übermäßig viel Luft entweicht
  • Stimmmüdung schon nach kurzen Gesprächsphasen
  • Gelegentliches Verschlucken, weil der unvollständige Stimmlippenschluss auch die Schutzfunktion des Kehlkopfes beim Schlucken beeinträchtigen kann

Warum frühzeitige Stimmtherapie entscheidend ist

Ein weitverbreiteter Irrtum ist, dass Stimmschonung und langes Schweigen nach einer Rekurrensparese die Erholung fördern. Das Gegenteil ist richtig: Aus phoniatrischer Sicht ist frühzeitiges, gezieltes Üben der effektivste Weg zur Stimmverbesserung. Je früher die logopädische Stimmtherapie beginnt, desto besser sind die Erfolgsaussichten. Stimm­schonung führt dazu, dass die Muskulatur weiter abbaut und die Kompensationsfähigkeit der gesunden Stimmlippe sich nicht entwickeln kann.

Bei mehr als 80 Prozent der Patientinnen und Patienten mit einer Rekurrensparese nach Schilddrüsenoperation kommt es zu einer spontanen Erholung des Nervs. Der Zeitraum dafür beträgt in der Regel bis zu zwölf Monate. Logopädische Stimmtherapie unterstützt und beschleunigt diesen Prozess, indem sie die verbleibenden Möglichkeiten der Stimmproduktion gezielt aktiviert und den Körper dabei unterstützt, mit dem Ausfall umzugehen.

Was die logopädische Stimmtherapie leistet

Die Stimmtherapie nach einer Schilddrüsenoperation ist auf das individuelle Beschwerdebild abgestimmt. Eine genaue laryngoskopische Befunderhebung durch einen HNO-Arzt oder Phoniater ist Voraussetzung, damit der Logopäde oder die Logopädin weiß, wie die Stimmlippe positioniert ist und welche therapeutischen Maßnahmen sinnvoll sind.

Kompensationsübungen der gesunden Stimmlippe

Das Kernziel der klassischen logopädischen Therapie bei einseitiger Rekurrensparese ist es, die gesunde Stimmlippe so zu trainieren, dass sie sich beim Sprechen weit genug zur betroffenen Seite bewegt, um einen ausreichenden Stimmlippenschluss herzustellen. Durch ein gezieltes Stimmübungsprogramm lernt der Körper, die Schwächung der einen Seite durch eine verstärkte Aktivität der anderen zu kompensieren. Dieses Training erfordert Intensität: Zwei bis drei Sitzungen pro Woche mit zusätzlichem täglichem Heimübungsprogramm sind der empfohlene Rhythmus.

Geübte Techniken umfassen unter anderem das Druckphonieren, bei dem durch gezielten Körpereinsatz der Stimmlippenschluss verbessert wird, sowie Übungen zur Atemstütze, die den übermäßigen Luftverlust beim Sprechen reduzieren. Mit zunehmendem Therapieerfolg werden die Übungen komplexer und auf den Alltag übertragen.

Elektrische Stimulation des Kehlkopfnervs

Ergänzend zur klassischen Stimmübungstherapie kann die elektrische Reizstromtherapie, sogenannte Vocastim-Therapie, eingesetzt werden. Dabei werden zwei Elektroden am Kehlkopf angelegt und während der Stromgabe intensive Stimmübungen durchgeführt. Der Reizstrom soll die geschädigte Nervenfaser stimulieren und deren Regeneration anregen. Sinnvoll ist diese Methode jedoch nur in Kombination mit Stimmübungen, nicht als alleinige Behandlung. In der Regel werden 15 bis 20 Sitzungen mit jeweils 10 bis 12 Minuten Reizstromapplikation empfohlen.

Stimmhygiene und Alltagsbegleitung

Neben den direkten Übungen gehört zur Stimmtherapie auch die Schulung im bewussten Umgang mit der Stimme im Alltag. Betroffene lernen, die Stimme weder zu überlasten noch übermäßig zu schonen, Sprechen in geräuschreichen Umgebungen zu reduzieren, ausreichend zu trinken, um die Schleimhäute feucht zu halten, und stimmbelastende Verhaltensweisen wie Räuspern zu erkennen und zu vermeiden. Besonders für Berufsgruppen wie Lehrer, Erzieher, Sänger oder Verkäufer, die auf eine belastbare Stimme angewiesen sind, ist diese berufsangepasste Stimmhygieneberatung ein unverzichtbarer Teil der Therapie.

Wann weitergehende Maßnahmen nötig sind

Wenn nach etwa zwölf Monaten intensiver logopädischer Therapie keine ausreichende Stimmerholung eingetreten ist, können chirurgische Maßnahmen zur Stimmverbesserung erwogen werden. Dabei wird die Position der gelähmten Stimmlippe durch ein kleines Implantat so verändert, dass die gesunde Stimmlippe sie besser erreichen kann. Diese sogenannte Thyreoplastik wird ambulant oder stationär unter örtlicher Betäubung durchgeführt, weil die Patientin oder der Patient während des Eingriffs die Stimme einsetzen muss. Im Therapiezentrum Melias in Bad Kreuznach unterstützt die Logopädie Patientinnen und Patienten nach Schilddrüsenoperationen mit einer individuell abgestimmten Stimmtherapie, engmaschig begleitet und in enger Abstimmung mit den behandelnden HNO-Ärztinnen und -Ärzten.